Heute beklagen sich die Lehrer überall. Zu meiner Zeit war das so:
Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen. Mein Vater blieb wie so viele im Feld, meine Mutter hatte mich nicht für eine Lehrerlaufbahn vorgesehen, ich sollte heiraten und "eine gute Partie" machen. Die Bildung stand nicht an oberster Stelle. Trotzdem bekam ich aufgrund guter Leistungen in der Volksschule die Möglichkeit das Aufbaugymnasium zu besuchen. Das nächstgelegene war allerdings recht weit entfernt und nur aufgrund einer Ausnahmegenehmigung konnte ich diese Schule besuchen. Eigentlich war das nämlich ein Internat, mit allem was Ende der 50er dazugehörte: so wußte die Rektorin immer ganz genau, welche Schülerin in welchem Cafe oder am Samstag im Tanzlokal gewesen war. Schallplatten hatten wir noch nicht, die Kapellen spielten "echte Musik".
Ich war die einzige Schülerin, die jeden Tag nach Hause fuhr, denn finanziell hätte es nicht einmal für die Unterkunft gereicht.
Später studierte ich an der katholischen Lehrerbildungsanstalt, stundenlange Zugfahrten habe ich dafür in Kauf genommen. Eine Stelle hatte ich dann mit zarten 23 Lenzen.
Die obligatorische Dienstwohnung war im Schulhaus, meine Klasse hatte 42 Schüler, viele Bauernbuben dabei. Erst nach drei Jahren hatte ich wenigstens eine eigenes Zuhause, aber am Schulort. Lehrer durften sich ihre Wohnung damals nicht frei wählen, das wurde erst später von den Verbänden erstritten. Der Nachbarort wäre noch drin gewesen, hätte aber Verrat bedeutet. Das Leistungsniveau war völlig unterschiedlich, die Jahrgangsstufen gemischt. Wenn einer nix konnte, mußte er neben einen Älteren und sich etwas abgucken. Arbeitsgruppen und Differenzierungen waren organisatorisch nicht möglich. Die soziale Kontrolle war hoch. Es kamen der örtliche Pfarrer, die Eltern, die Dorfbewohner. Als Lehrerin gab es kein "sich gehen lassen". Vieles wurde vor Ort geregelt. Honig, Schinken, ein Sack Kartoffeln, das waren die Währungen bei "Versetzung gefährdet". Mit Honig waren nicht alle zu locken, die Kombination Lehrer / Imker war nicht selten.
An der Schule gab es die typischen Charaktere: Die "Kaltmamsell" mit strengem Dutt, die aufopferungswillige Religionslehrerin und den peniblen Aktenwälzer. Einen Rektor hatten wir am Anfang noch nicht, dafür aber unangemeldete Besuche eines Schulbeamten. So ganz überraschend waren sie aber zum Glück nie, denn die Route war mehr oder weniger bekannt. Die Aktenordner und Unterrichtsvorbereitungen, alles handschriftlich, lagen immer in einem großen Schrank zur Vorlage. Wir hatten zwar eine Schreibmaschine, aber bei den Farbbändern wurde gespart, bzw. sie wurden mindestens dreimal umgedreht.
Die pädagogischen Freiheiten waren groß. Nachmittags saßen schonmal Schüler bei mir in der Küche zum großen Einmaleins. Manchmal suchten sie auch Schutz vor den Jungs aus dem Nachbardorf, Keile gab es regelmäßig. Wenn die Fetzen flogen, oder Schneebälle mit eingelegten Steinen, durfte ich die Krankenschwester spielen.
Später in den Siebzigern hieß es dann: "Mein Kind soll nicht auf die Zwergschule". Wir hatten damals nur vier Klassen und wurden eingemottet. Es begann ein Kreuzzug der Chancengleichheit gegen die großen Benachteiligungen: Mädchen, katholisch, Land, Arbeiterhaushalt, diese Kombination galt als schlechteste Startvoraussetzung. Die neue Schule war zentral neben einer Gesamtschule. Der Reformplan des deutschen Bildungswesens wurde nach einem Herrn Roth flächendeckend umgesetzt. Ich kann mich noch gut an die Einführung der modernen Didaktik einschließlich der Mengenlehre erinnern. War das ein Aufschrei bei den Eltern, als sie ihren Kindern nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen konnten. Alles in allem hatten wir damals mehr pädagogische Freiheiten, mußten dafür aber auch ordentlich ranklotzen, das hieß dann auch Samstagsunterricht. Als Ausgleich gab es eine Reihe von Sonderzulagen, Geld für die Arbeitskleidung, die durch Kreide stark beansprucht wurde und andere Nettigkeiten. Ob ich unter den heutigen Bedingungen nochmal den Beruf wählen würde, ich weiß es nicht. Der Respekt vor den Lehrern hat sich schon sehr verändert. Unter den gleichen Bedingungen wie damals würde ich es wieder machen. Ich konnte mir dadurch ein anderes Leben ermöglichen, als Bäuerin wollte ich nicht enden!

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