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Thema: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

  1. #1
    aphilia - master
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    Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Auch durch den Evangelischen Kirchentag am vergangenen Wochenende ist die Lutherische Kirche wieder in die Medien gekommen.
    Die Berichte vom Kirchentag, von denen einige auf Phoenix liefen, zeigten ein Bild von Leuten, die viel Spaß hatten. Da gab es Spiel für die Kinder, Musik-Konzerte, allerlei Diskussionsrunden und jede Menge Zerstreuung. Leute, die interviewt wurden, sagten, sie wären wegen des Spaßes gekommen.

    Wie protestantisch ist das eigentlich?

    Der Protestantismus ist seinem Wesen nach eine sehr ernste, strenge Religion, die - man denke an Calvin - jede Zerstreuung ablehnt und die Arbeit allein als Ziel und Sinn des Lebens ansieht.
    Der Begriff von Sünde und Schuld ist sehr stark. Wer eine Sünde begeht, wird zum Sünder, und nichts kann er tun, um seine Schuld anzutragen.
    Auch vertritt der P. die These, daß Christus nicht für alle gestorben ist, sondern nur für jene "Auserwählten", die sich in der Gnade Gottes befinden. Die Gnade Gottes haben jede, denen es - lax gesprochen - gut geht. Wer leidet, krank, arm oder elend ist, ist das, weil er nicht in der Gnade Gottes ist. Und wer die Gnade nicht hat, der kann sie auch nicht erlangen.

    Das ist der ursprüngliche Protestantismus.

    Wieviel davon ist in der heutigen evangelischen Kirche noch vorhanden?

    Ist die Evangelische Kirche überhaupt eine richtige Kirche?

    Was bedeutet es heute noch, Protestant zu sein?

    Über eine Diskussion, auch gerne kontrovers, würde ich mich sehr freuen.

    Viele Grüße,
    Brynhilda

  2. #2
    aphilia - prof Avatar von Steinlaus
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Zitat Zitat von Brynhilda Beitrag anzeigen
    Ist die Evangelische Kirche überhaupt eine richtige Kirche?
    ...nach Ansicht des Vatikans unter Papst Benedikt ist sie es NICHT:

    Der Vatikan hat den Protestanten das Recht abgesprochen, ihre Glaubensgemeinschaft als Kirche zu bezeichnen. Dies ist der Kern eines 2007 veröffentlichten Dokuments der Glaubenskongregation, das Papst Benedikt XVI. ausdrücklich gutgeheißen und genehmigt habe.

    Wie bereits in dem umstrittenen Schreiben "Dominus Iesus" im Jahr 2000 wird die Einzigartigkeit und der Vorrang der katholischen Kirche bekräftigt.

    Zur Begründung heißt es, Protestanten und andere christliche Gemeinschaften, die nicht den Papst anerkennen, könnten sich nicht auf die "apostolische Sukzession" berufen.

    Damit ist die katholische Lehre gemeint, wonach sich Päpste und Bischöfe noch heute auf den Auftrag Jesu Christi an die Apostel zur Glaubensverbreitung berufen.
    Quelle: SZ-online

    Das ist nun fast schon wieder erfreulich, denn der Papst nimmt sie wenigstens noch wahr.
    Das nächste evangelische Kirchetagsmotto ist schon durchgesickert:
    "Mit den Spaßprotestanten gegen Klimakiller und Gerechtigkeit"

  3. #3
    Angelika
    aphilia - Gast

    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Ich habe eine Diskussion mit Bischof Huber gesehen. An den oder die Moderator/in kann ich mich nicht erinnern, auf dem Podium waren noch Frau Göring-Eckart, Erhard Eppler, Richard v. Weizäcker, Rupert Neudeck?
    Ehrlich gesagt, ich weiß nicht genau für was die Leute standen, es war alles so einheitlich harmonisch. Kritische Positionen glatte Fehlanzeige.

    Aber da wäre doch reichlich Stoff gewesen:
    Baut Europa nicht gerade einen unsichtbaren Zaun im Süden, gegen die Einwanderer aus Afrika?
    Oder was sind die Hintergründe der Piraten in Afrika? Heben wir das Recht, vor der afrikanischen Küste zu fischen, uns auf Luxusschiffen zu vergnügen, etc.
    Ich hatte den Eindruck, daß eine kontroverse Diskussion gar nicht erwünscht war.

    Vile Grüße,
    Angelika

  4. #4
    aphilia - prof Avatar von Inge
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Gegen Diskussionen, Musik und Gottesdienste gibt es doch nichts zu sagen. Es soll sich jede/r da beteiligen, wo es Spaß macht. Ich finde es gut, wenn die Kirchentage nicht so langweilig sind wie eine Fachkonferenz.

    Mein letzter Kirchentagsbesuch war 2003 auf dem ökumenischen Kirchentag in Berlin, damals der 1.gemeinsame Kirchentag. Ich frage mich, warum die Idee nicht wieder aufgegriffen wurde.

    Liebe Grüße,
    Inge

    P.s.:
    Ich bin keine strenggläubige Christin, also ich finde normale Gottesdienste ziemlich langweilig
    Flori Si Stele

  5. #5
    aphilia - master
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Hallo Inge!

    Ich sage ja gar nicht, daß es falsch ist, in der Kirche oder mit der Kirche Spaß zu haben.
    Nur ist das eben nicht besonders protestantisch.
    Wenn man es mal von der Sicht der protestantischen Tradition aus betrachtet.

    Ich habe nur eben den Eindruck, daß der Protestantismus beliebig geworden ist.
    Die Lutherische Kirche schwimmt wie eiun Ölfleck auf dem Meer des Zeitgeist.
    Das ist meine Beobachtung als ehemaliger Lutheranerin.


    Hallo Steinlaus!

    Aber hat der Vatikan mit dieser Aussage nicht eigentlich recht?
    Abgesehen von der Nachfolge Christi, auf die sich katholische Priester im gegensatz zu den evangelischen tatsächlich berufen können, der Liturgie, der Feier der Eucharistie - ist nicht auch ihrem Wesen nach die Lutherische Kirche keine richtige Kirche?

    Vielleicht war sie es auch nie.

    Ich habe ja die Theorie, daß sich die deutschen Fürsten damals Luther nur aus einem Grund angeschlossen haben - sie wollten keine Abgaben mehr an die Kirche zahlen und den Zehnten der Bauern selber einstecken.

    Viele Grüße,
    Brynhilda

  6. #6
    aphilia - prof Avatar von Inge
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Zitat Zitat von Brynhilda Beitrag anzeigen
    Hallo Inge!

    Ich sage ja gar nicht, daß es falsch ist, in der Kirche oder mit der Kirche Spaß zu haben.
    Nur ist das eben nicht besonders protestantisch.
    Wenn man es mal von der Sicht der protestantischen Tradition aus betrachtet.

    Ich habe nur eben den Eindruck, daß der Protestantismus beliebig geworden ist.
    Die Lutherische Kirche schwimmt wie eiun Ölfleck auf dem Meer des Zeitgeist.
    Das ist meine Beobachtung als ehemaliger Lutheranerin.
    Hallo Brynhilda,
    bist du ausgetreten?

    So weit würde ich nicht gehen, ich meine, es gibt in jeder Kirche gute Leute. Kennst du die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung, die GKKE Die machen schon gute Sachen,das kann ich weitermepfehlen, auch kritische Sachen wie den jährlichen Rüstungsexportbericht.
    Das kann man auch im Internet abrufen (mal googeln).

    Parteien machen das nie objektiv, weil ja jede Regierungspartei vor der Wirtschaft kapituliert und möglichst viele Rüstungsgüter verkaufen will. Leider.
    Flori Si Stele

  7. #7
    aphilia - master
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Zitat Zitat von Inge Beitrag anzeigen
    Hallo Brynhilda,
    bist du ausgetreten?
    Nein, ich bin konvertiert. Ich bin noch immer in der Kirche, nur nicht mehr in der Lutherischen.


    Ich bin prinzipell der Meinung, daß in den Kirchen sehr viel gutes geschieht.
    Es ist ein Segen für uns, daß es die Kirchen gibt, und sie werden in diesen Zeit noch viel wichtiger werden, weil sie und natürlich auch nich konfessionell gebundene Organisationen bald noch sehr viel mehr dazu beitragen müssen, da zu helfen, wo sich der Staat zurückzieht und nicht mehr helfen will.

    Mich interessiert nur, in wie fern sich die protestantische Kirche noch an der protestantischen Tradition orientiert.
    Wobei ich es durchaus begrüßen würde, wenn sich der lutherische Kirche nicht mehr so extrem nach diesen Werten ausrichten würde.

    Mit anderen Worten:
    Gibt es heute noch einen Protestanten, egal ob Laie oder Priester, der die Einstellung vertritt, daß es Menschen schlecht geht, weil sie nicht die Gnade Gottes haben, und daß diese Menschen nie die Gnade Gottes erlangen werden?

  8. #8
    aphilia - prof Avatar von aphire
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    @ Brynhilda:
    Ich kann die Frage, ob es Menschen gibt, die ohne die Gnade Gottes leben nicht theologische beantworten. Dazu fehlt mit einfach das Wissen.
    Aber wenn ich die Verzweiflung dieser Menschen betrachte:

    Zitat Zitat von Angelika Beitrag anzeigen
    Baut Europa nicht gerade einen unsichtbaren Zaun im Süden, gegen die Einwanderer aus Afrika?
    Sie haben keine Perspektive, geben ihr letztes Geld für Schlepperbanden aus, streben im Meer. Ist das ein Leben in Gnade?
    Leben und leben lassen

  9. #9
    aphilia - master
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Zitat Zitat von aphire Beitrag anzeigen
    Sie haben keine Perspektive, geben ihr letztes Geld für Schlepperbanden aus, streben im Meer. Ist das ein Leben in Gnade?
    Das kann ich nicht beurteilen.
    Aber auch ein schweres Leben ist ein lebenswertes Leben, und die katholische Sicht ist, daß gerade das Leid uns näher zu Gott bringt.

    Keiner weiß ja, was einem zustoßen kann.

    Warum sollte Gott sich gerade von denen abwenden, denen die Menschen schlimme Dinge antun?
    Das Leid, das du beschreibst, wurde von Menschen verursacht, nicht von Gott.

    Calvin, nehmen wir den mal, lehrt, daß der Mensch nur durch die Gnade Gottes Erlösung finden kann. Diese Gnade wird aber nur bestimmten Menschen zuteil. Sie können diese Gnade nicht verlieren, auch wenn sie schlimme Sünden begehen.
    Sind Menschen nicht in der Gnade Gottes, können sie diese nicht erlangen - schon gar nicht durch gute Werke.
    Laut Calvin ist es verderbt, aus seiner christlichen Einstellung heraus gute Werke zu tun. Deshalb fehlt ja auch in evangelischen Bibeln der Jakobus-Brief, obwohl der vielleicht, mehr als alle anderen Teile des Neuen Testaments, das Wort Christi verkündet.
    Laut Calvin ist Christus für die Sünden der Menschen gestorben - aber nur für jene, die in der Gnade Gottes sind.
    Die anderen sind verdammt, egal ob sie Sünder sind oder nicht.

    Wenn es also jemandem schlecht geht, braucht man dem nicht zu helfen. Man sollte es auch nicht. Denn erstens ist derjenige ohnehin nicht in der Gnade Gottes, und zweitens wäre die Hilfe ein gutes Werk, und die soll man ja unterlassen.

    Ist es nicht eigentlich menschenverachtend, so zu denken?
    Geht nicht der Gedanke an Menschen, die von der Gnade Gottes ausgeschlossen sind, in Richtung der Rede von lebensunwertem Leben?
    Ist das nicht eine gepredigte Ungleichheit der Menschen?
    Bedeutet das nicht, daß in den Augen Gottes manche Menschen besser wären als andere?

    Ich kann das nicht glauben.
    Es gibt eine Geschichte aus dem Talmud:
    Nachdem Moses mit dem Volk Israel das Rote Meer durchschritten hatte und die Ägypter in dessen Fluten ertrunken waren, jubelten die Engel im Himmel.
    Aber Gott weinte und sagte: "Wie könnt ihr jubeln, wenn meine Kinder sterben müssen?"
    Damit meinte er die Ägypter.

  10. #10
    aphilia - prof Avatar von Steinlaus
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    AW: Wie "protestantisch" sind die Protestanten noch?

    Ich weiß nicht, ob ihr die Diskussion in Hessen verfolgt habt. Auch hier ging es um das Thema Leid:
    Für den Hessischen Kulturpreis zum interreligiösen Dialog waren vier herausragende Vertreter gleichzeitig nominiert:
    Karl Lehmann (Katholische Kirche)
    Peter Steinacker (Evangelische Kirche)
    Salomon Korn (Judentum)
    Navid Kermani (Islam)

    Zum Eklat kam es, nachdem Kermanis die Theologie des Kreuzes in der NZZ als Gotteslästerung bezeichnet hatte. Auslöser war ausgerechnet die Betrachtung von Caravaggios "Kreuzigung Petri".
    Kermani bezeichnete das Christentum sinngemäß als eine Religion, in der das Leid der Welt unterdrückt wird!
    Jesus sagte am Kreuz "Schaut auf mein Leid". Nach Kermanis ist dies inhuman, nach seiner Diktion müsste es heißen: "Schaut auf unser Leid".

    Die christlichen Vertreter waren empört und forderten eine Denominierung des islamischen Vertreters. Die Preisverleihung ist nach meinen Informationen noch offen. Der interreligiöse Dialog hat leider Schaden genommen.

    Ich kann diese harrsche Kritik beider Seiten nicht nachvollziehen. Hiob fragt, ob das Leiden in der Welt gerecht ist - damit schließt er alles Leiden ein!

    Calvins chiliastische Position hat für mich etwas Beängstigendes. Trotz allen Leides, das wir täglich im Fernsehen betrachten, die Botschaft des Kreuzes ist universell. Im Katholizismus gibt es nicht ohne Grund die Praxis der Nottaufe. Ein unschuldig sterbendes Kind wird Teil der Heilsgemeinschaft, nicht einer Verdammnis.

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