Guten Tag,
ich möchte meine Anmerkungen zum reformatorischen Prinzip 'sola scriptura' zur Diskussion stellen.
Martin Luther bezog sich nur auf das, was Augustin in seiner 'Doctrina Christiana' zugrunde gelegt hatte: Der Leser solle zuerst die ganze Schrift lesen und sich dabei ganz auf das erhellende Licht des Geistes verlassen. Die 'dunklen Stellen' seien mit Parallelstellen erklärbar. Diese gute patristische Tradition der 'sola scriptura' war zu Luthers Zeiten in Vergessenheit geraten. Die offizielle Kirche stützte sich auf eine Dreiheit von Tradition, Autorität des Lehramtes und allegorischer Auslegung im Sinne der Alexandriner.
Zur Erläuterung: Die Allegorese geht davon aus, dass jede Aussage nur einen bestimmten Bereich der Wirklichkeit widerspiegelt und relativ, auf eine andere, größere bezogen werden muss. Die Allegorese spielt in allen Buchreligionen eine große Rolle.
Im NT deuten die Evangelisten die Gleichnisse Jesu als Allegorie; aus theologischer Sicht zu unrecht, denn Jesu Gleichnisse haben im Grunde genommen wenig allegorische Züge an sich.
Luthers Gebot, nach dem die Schrift 'sui ipsius interpres', ihr eigener Schlüssel sei, erscheint gerade in den Gleichnissen zustimmungswürdig. Das gegenreformatorische Konzil von Trient war deshalb sehr bedacht, die hermeutische Unzulänglichkeit der Schrift zu bekräftigen. Als Argument wurde angeführt, dass Schrift und amtskirchliche Tradition aus demselben Heiligen Geist entsprossen seien.
Aber genau in diesem Rekurs auf die Tradition liegt das Problem der katholischen Kirche, denn sie müsste stets gewiss sein, dass der heilige Geist in jeder Phase der Tradition präsent war.
Wie leicht haben es dagegen die Protestanten, geborgen im traditionsfreien Prinzip 'sola scriptura'.
Ich wünsche ihnen allen einen segensreichen Tag,
Martin Szepansky
Pfarrer i.R.

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